Doktoratsprojekt Carlo Siega

Der ‚Komponierende Performer‘. Kreative Ansätze und Praxis der Neuinterpretation nach der Premiere

Dieses Forschungsprojekt basiert auf einer sich entwickelnden Praxis in der klassischen zeitgenössischen Musik, die die Rolle des Interpreten als ausschließlich ‚deutenden‘ Interpret bereits vorhandener Partituren in Frage stellt. Mein Ziel ist, den Spielraum von Interpret*innen und ihr Engagement im kreativen Schaffen und in der Entscheidungsfindung über das hinaus zu erweitern, was zunächst durch die schriftliche Partitur gegeben ist.

Um dies zu tun, hinterfrage ich zwei gängige Praktiken: Kompositionen bzw. Komponisten, die neue Technologien als "erweitertes" Werkzeug zur Kontrolle von Interpret*innen benutzen, während sie ihnen ihre eigenen künstlerische Freiräume auf der Bühne vorenthalten; und traditionelle kollaborative Ansätze zwischen Komponist*in und Interpret*in, die sich lediglich mit der Schaffung eines neuen Repertoires befassen, ohne über die Möglichkeit einer Re-kreierung, einer Neuinterpretation eines Werkes nach der Premiere nachzudenken.

Methodisch mische ich Theorien historisch-informierter Aufführungspraktiken im Bereich der klassischen zeitgenössischen Musik mit nicht-akademischen Ansätzen aus der Popmusikkultur wie Mashup und Remix. Für jede Fallstudie werde ich nach spezifischen kreativen Möglichkeiten suchen, bereits bestehende Werke neu zu schaffen, zu re-kreieren, indem ich beispielsweise rein musikalische Kunstwerke mit Hilfe neuer Technologien in intermediale umwandele.

Für meine Forschung wird es notwendig sein, die zusätzlichen instrumentalen Kompetenzen von Performer*innen in Bezug auf neue Technologien, Improvisation und kompositorisches Denken im performativen Kontext zu stimulieren, bestehende Ansätze der Interpretationspraxis in der Neuen Musik neu zu bewerten und die Kreativität der Performer*innen über ihre rein instrumentalen und performativen Qualitäten hinaus zu ermutigen und zu fördern.

Auf diese Weise möchte ich das Verständnis für die Aufgaben und die Identität eines Darstellers neu gestalten und eine Art der engagierten Performance-Praxis, sowie neues Potenzial für eine erweiterte Praxis der Interpretation entwickeln.

Erstbetreuerin: Univ. Prof. Dr. Barbara Lüneburg, ABPU
Zweitbetreuer: Univ. Prof Dr. Karlheinz Essl, mdw.

Biographie

Carlo Siega gewann 2018 er den renommierten Kranichsteiner Musikpreis für Interpretation bei den Ferienkursen für die Neue Musik in Darmstadt und tritt als Solist und mit Ensembles in ganz Europa auf. Er war unter anderem zu hören in der "La Fenice" Theater Opernsaison, im Divertimento Ensemble - Rondò, beim "M. Del Monaco" Theater und TransArt Festival in Italien, in SMOG und Nuits de Beau Tas, im Ear To the Ground Festival und Kunstenfestival des Arts in Belgien, beim Izlog Festival in Kroatien, in der Neuen Oper Wien in Österreich, beim Time for Music Festival in Finnland, dem Warschauer Herbst in Polen, Festival Ensems, Mixtur Festival, VANG Festival, SIRGA Festival und Universidad de Léon in Spanien, SoundSpaces Festival in Schweden, NUMU Festival, Schweiz und anderen.

Siega kollaboriert ebenso mit Performer*innen wie Komponist*innen, und bringt Werke international renommierten Komponist*innen zur Uraufführung. Zu seinen künstlerischen Partner*innen gehören Komponist*innen wie wie Giorgio Colombo Taccani, Chaya Czernowin (IL / USA), Klaus Lang (A), Simon Løffler (DK, Pauline Oliveros (USA), Stefan Prins (BE), Rebecca Saunders (UK/D), Alexander Schubert (D), Simon Steen-Andersen (DK) und Frédéric Verriéres (FR).

Nach dem Abschluss seines Diploms in Musik und seines Masters in klassischer Gitarre mit Auszeichnung an der Musikhochschule in Venedig setzte Carlo Siega sein Studium zunächst an der Musikhochschule "Claudio Abbado" in Mailand und dann an der ICTUS Academy und dem KASK of Gent in Belgien unter der Leitung von Tom Pauwels fort. Darüber hinaus besuchte er Meisterkurse bei Künstler*innen wie Elena Càsoli und Yaron Deutsch und schloss sein Studium der Philosophie mit Auszeichnung an der Ca 'Foscari Universityin  Venedig ab. Derzeit promoviert er an der Anton-Bruckner-Universität in Linz im künstlerisch-wissenschaftlichen Doktoratsprogramm.