Ricardo Leitão Pedro – Historische Aufführungspraxis: Tenor & Lautenist

Doktoratsprojekt

ORPHEUM SUPERANS:
Pietrobono Burzellis dal chitarino: die Kunst eines Meisterimprovisators auf der Laute

Das Ziel meines Forschungsprojekts ist, die Praxis des Lautenisten Pietrobono Burzelli (? 1417-1494) aus dem 15. Jahrhundert zu beleuchten, und dabei ein besonderes Augenmerk auf seine Improvisations- und Verzierungstechniken im Kontext des Lautenduo-Ensembles zu haben. Zusätzlich werde ich ein Bild von Pietrobonos wahrscheinlichem Repertoire zeichnen, indem ich im fünfzehnten Jahrhundert gebräuchliches Material für musikalische Improvisation den Melodien gegenüberstelle, die in den Dokumenten über seinen Unterricht und seine Aufführungen erwähnt werden. Gleichzeitig werde ich dabei die Laute in der zeitgenössischen Instrumentaltradition dieser Zeit verorten.

Pietrobonos Bedeutung in der Musikkultur des 15. Jahrhunderts ist seit langem anerkannt, und die anhaltende Relevanz des Lauten-Duo-Ensembles, auf das er sich spezialisiert hatte, ist sowohl für das 15. als auch für das 16. Jahrhundert gut etabliert. Einige Generationen moderner Lautenisten haben daher auch schon mit verschiedenen improvisatorischen Techniken eine Annäherung an Lautenmusik von vor und um 1500 versucht. Es ist jedoch wenig veröffentlicht oder methodisch erforscht worden, um heutigen Interpreten konkretes Material zur Entwicklung von extemporierenden Fähigkeiten im Kontext des spätmittelalterlichen Lautenrepertoires zu liefern.

In meinem Forschungsvorhaben werde ich mich auf meine persönlichen Erfahrungen als Lautenist und Interpret mittelalterlichen Repertoires stützen, um Erkenntnisse aus primären und sekundären Quellen auf das praktische Experimentieren auf der Laute sowohl im Solo- als auch im Duo-Kontext anzuwenden. Am Ende dieser Forschung werden praktische Werkzeuge für die Entwicklung von Extemporierungsfähigkeiten beim modernen Instrumentalisten entstehen, die auf der Laute oder jedem anderen Instrument, das Repertoires des 15. Jahrhunderts spielt, angewendet werden können.

Erstbetreuerin: Univ.Prof.in Dr.in Anne Marie Dragosits, ABPU
Zweitbetreuer:  Univ.Prof. Dr. Markus Grassl, mdw

 

Biografie

Schon immer fasziniert von Sänger-Instrumentalisten von der Antike bis zur Neuzeit, ist Ricardo Leitão Pedro heute einer der wenigen Interpreten, die die frühe Praxis des canto al liuto wiederbeleben, indem sie sich selbst auf verschiedenen Zupfinstrumenten (mittelalterliche und Renaissance-Laute, Theorbe, Barockgitarre) begleiten. Im Alter von achtzehn Jahren nahm er erstmals die Laute in die Hand. Ein Jahr später wurde er für ein Bachelor-Studium der Alten Musik an der ESMAE (Porto) angenommen, während dessen er ein Erasmus-Stipendium erhielt, das es ihm ermöglichte, einer der letzten Studenten des Lautenisten Eugène Ferré am Conservatoire National Supérieur de Musique et Danse de Lyon zu sein. Später absolvierte er ein Studium an der renommierten Schola Cantorum Basiliensis in den Fächern Laute (Klasse von Crawford Young und Marc Lewon) und Gesang (Klasse von Dominique Vellard).

Als Mitglied von I Discordanti und Concerto di Margherita (Gewinner des EEEmerging-Ensembles) konzertiert er regelmäßig in ganz Europa und wird häufig zu Auftritten mit Ensembles und Orchestern wie Orquestra XXI, Cappela Sanctae Crucis und La Boz Galana eingeladen. Sein Lautenduo mit Guilherme Barroso wurde mit dem 2. Preis beim JIMA-Wettbewerb (Portugal) für Kammermusik ausgezeichnet (1. Preis nicht vergeben).

Als Komponist/Improvisator schrieb Ricardo die Musik für die Trapez-Performance "Planisfério" von Joana Martins und arbeitete 2018 mit Rostislav Novak (Cirk La Putyka) in seiner Forschungsgruppe beim zeitgenössischen Zirkusfestival "Die Originale" in Berlin. Sein erstes Soloalbum "Fantasticaria" (2020, im Eigenverlag) ist der Musik von Bellerofonte Castaldi für Stimme und Theorbe gewidmet. Er bereitet eine Edition des "Thibault Lautenmanuskripts" vor, die beim Label Terem-Music erscheinen soll.

Ricardo ist Doktorand an der Anton-Bruckner-Privatuniversität mit einer Arbeit über den Star-Lautenisten Pietrobono Burzelli aus dem fünfzehnten Jahrhundert.