“Wie von Geisterhand” - Vortrag von David Rumsey (AUS/CH)
Das Interesse an Musikautomaten - Instrumenten die ohne einen agierenden Interpreten Musik wiedergeben - reicht bis zur Antike zurück.
Im späten 16. bzw. frühen 17.Jh. in der Folge des Humanismus mit dessen Hang zur Dokumentierung der Leistungen von hervorragenden Künstlern, erlebte dieses Interesse u.a. im Augsburger Kreis von Hans Leo Hassler einen Aufschwung. Am Vorabend der französischen Revolution erschien das Werk von Père Engramelle “La Tonotechnie”(1775 bzw. 1778) oder die ‘Kunst der Notierung von Orgelwalzen’, worin der Autor sein Bedauern ausspricht, dass seine Erfindung nicht schon etwa zur Lebzeit Rameaus vorlag. Obwohl seine Walzen nicht überlebt haben, zeugt Engramelles Buch von dem Bemühen, die Interpretationen von wichtigen Musikern für alle Zeiten festzuhalten.
Kurz vor dem Aufkommen der ersten kommerziellen, akustischen Aufnahmen - und parallel zu diesen - entwickelte um das Jahr 1904 die Firma Welte in Freiburg i.Breisgau (D) das Welte-Mignon-System, wodurch renommierte Pianisten (u.a. Saint-Saëns, Leschetizky, Reinecke Rosenthal, Paderewski, Grünfeld, Lhévinne, Nikisch, Nargolies, Samaroff u.A.) ihre Leistungen verewigten. Diese Technik wurde ab etwa 1911 bei der Welte Philharmonie-Orgel übernommen. David Rumsey hat in seinem Vortrag darauf hingewiesen, dass viele frühe Orgelrollen auf Orchestrion-Rollen zurückgreifen, die um das Jahr 1880 (oder sogar früher) entstanden sind.
Rumseys technische Erläuterungen erlaubten einen Blick in die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Welte-Systems für die damaligen Spieler, insbesondere was Tempo, Registrierung und das Zusammenspiel von Manual und Pedal betrifft.
Anhand von (z.T. unbekannten) Aufnahmen aus dem Musikautomatenmuseum Seewen (CH) hörten wir, dass die Aufführungspraxis keineswegs mit 1750, 1791 oder 1849 endet. Wir durften wahrnehmen, dass Künstler um die Jahrhundertwende 1900 einen sehr individuellen und persönlichen Umgang mit “timing” hatten, der sich von dem heutiger MusikerInnen stark unterscheidet.
Brett Leighton


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